Mit dem Fahrrad in Vietnam

Bericht 2 aus Vietnam: Hanoi - Son La - Hanoi

Hallo,

Staub, Schweiß und Lachen könnte die Überschrift für unser erstes Radabenteuer in den Bergen Vietnams sein. Noch nie haben wir so freundliche Kinder getroffen, aber wir waren auch noch nie so erschöpft, am Ende unserer Kraft und schmutzig bis zum Anschlag.

Es fing schon damit an, dass wir den Busbahnhof für den Bus Hanoi - Hoah Binh nicht fanden, der uns zum Startpunkt der Tour und damit raus aus Hanoi bringen sollte. Mit Händen und Füßen erklärten uns die Vietnamesen, wir wären am falschen Busbahnhof, nach Ha Dong sollten wir radeln, 14 km ausserhalb der Stadt. Da blieben wir doch gleich im Sattel und radelten von Hanoi aus los, 74 km bis Hoah Binh. 

Der Straßenverkehr in Hanoi, auf den ersten Blick noch ein Chaos für uns, erwies sich als durchdachtes, einfach zu handhabendes Gewühl von Menschen, Mopeds und wenigen Autos. Mit dem Verkehr fließen ist die Maxime - wer bremst, verliert. Um sich zu einzureihen, einfach drauflosfahren, die sich bereits im Verkehrsfluss befinden, passen schon auf. Zum Abbiegen nach links einfach auf die gegenüberliegende Fahrbahn wechseln und ein Ausstrecken des Arms vermeiden, damit dieser nicht abgerissen wird. Je langsamer man fährt, desto mehr rechts auf der Straßenseite befindet man sich, links wird überholt. Hat man als langsames Gefährt keine Lust, rechts zu fahren, fährt man eben links und wird dementsprechend links und rechts überholt. So einfach ist das! 

Wie im Regenwald - in Vietnam
Ein vietnamesischer Regenwald-Bananenstauden-Traum

Begegnungen mit Kindern in Vietnam
Nach der Gelsattel-Kontrolle bereit für den nächsten Streich

Eine radelnde Langnase in Vietnam, so werden wir "Westler" genannt, ist eine absolute Ausnahmeerscheinung und wird angestarrt, als würden dreizehn grüne Marsmännchen mit roten Ohren durch München laufen. Die Orte sind entlang der Strassen aufgebaut, so dass wir kilometerlang an Häusern entlang fahren. Überall sitzen die Menschen vor ihren Häusern und bieten ihre Waren an. Kommen wir vorbei, wird zuerst gestaunt, auf uns gedeutet, dann lachen sie sich halb kaputt. Und dann wird "Hello" gerufen. Am besten sind die Kleinsten, ihre Bandbreite an Englisch reicht von "Hello" über "Good morning" - ungeachtet der Tageszeit - bis zu "I love you".  

Aufmerksamkeit zu erhaschen ist ganz besonders wichtig hier. Und so müssen wir jedem ein "Hello" schenken. Die Kinder rennen uns hinterher, die Erwachsenen winken und rufen und antworten wir, so lachen sie wie verrückt. So oft haben wir noch nie "Hello" gerufen beim Radfahren.

Und überall sind Menschen. Eine ruhige Stelle zum Picknicken oder mal hinter den Busch zu gehen sind eigentlich nicht zu finden. Die ruhigsten Momente haben wir auf dem Rad, denn dann müssen wir nur winken und grüßen. Aber wehe uns, wir halten an. Sofort ist eine Menschentraube um uns versammelt. Alle beugen sich über die Karte auf der Lenkertasche, drücken den Gelsattel ein, um zu prüfen, wie tief das geht, schauen schnell, ob Klingel und Bremsen auch wirklich funktionieren und befühlen unsere Arme und Beine, ob wir den Anstrengungen auch gewachsen sind. 

Eine Frau bringt sogar eine Schnur, um damit die Dicke ihres Oberschenkels mit dem von Beate zu vergleichen. Ganze fünf Zentimeter an Umfang hat Beates Oberschenkel mehr, was bewundernd von der versammelten Dorfgemeinschaft zur Kenntnis genommen wird. Generell ist Berührung und Nähe kein Problem. Bei einem Abendessen im Hotel sitzt die Besitzerin fast auf Carol drauf, um sich mit uns mit der Hilfe unseres Wörterbuchs Englisch-Vietnamesisch zu unterhalten.

Landschaft in Vietnam
Richtig strahlender Sonnenschein gibt es hier irgendwie nicht

Bei Wang übernachten wir im Holzhaus auf Stelzen
Bei Wang übernachten wir im Holzhaus auf Stelzen und sie serviert ein wunderbares Essen

Ewig lange Baustelle in Vietnam
Ein Stück der 300 km langen Baustelle, in die wir unabsichtlich geraten

Frauen der Schwarzen Thai in Vietnam
Frauen der schwarzen Thai, die inmitten der Baustelle super sauber sind - wie machen sie das bloss?

Ein besonderes Erlebnis wird uns zuteil, als wir in Mai Chau ankommen. Hier in den Bergen leben die ethnischen Minderheiten wie White Tai, Black Tai und Hmong. In der Nähe von Mai Chau ist ein Tai-Dorf, wo wir das Glück haben, bei Wang unterzukommen, die mit ihrer Familie in einem Bambushaus lebt, das auf Stelzen gebaut ist. Wir schlafen auf Bambusmatten, die Schlafplätze nur durch Tücher abgeteilt. Gekocht wird auf dem Feuer, nebenan steht der Fernseher. Der krasse Gegensatz von Moderne auf der einen Seite - wir sehen sogar zwei kleine Jungs mit Gameboys am Straßenrand - und fast noch Mittelalter - Ochsenpflug auf dem Feld, Spinnen von Wolle auf der Veranda, usw. - ist unglaublich und kaum zu verstehen.

Neben diesen wunderschönen Erlebnissen mit den Menschen und der interessanten Landschaft sind es die Straßenbedingungen, die uns das Leben schwer machen. Wir wussten, dass die Tour durch die Berge sehr hart werden würde, weil wir immerhin in den Tonkinesischen Alpen unterwegs waren, die bis zu 3000 Meter hoch sind. Unser Radreisebuch sprach vom Highway 6, der überwiegend asphaltiert in gutem Zustand sei. Was das Buch nicht wissen konnte war, dass zur Zeit eine Umbaumassnahme auf eben dieser Straße läuft. Sie soll von einer einspurigen in eine zweispurige Fahrbahn umgewandelt werden. Leider funktioniert das nicht allmählich, Kilometer nach Kilometer, sondern die ganze Länge auf einmal. Das heißt, wir waren ständig mitten dabei in der Baustelle. LKW's, Bagger, ohrenbetäubende Dieselgeneratoren und hunderte von Straßenarbeitern machen sich über die Straße her. Vom alten Asphalt ist kaum noch etwas zu sehen.

Zentimeterdicker Staub und Sand, Geröll, Schlaglöcher und tiefe Gräben machen die Straße kaum befahrbar. Da es die einzige Straße hier ist, müssen wir trotzdem durch. Bei den Anstiegen ist es am schlimmsten. Neben uns werden die Felsen abgeschlagen, Steine prasseln auf uns herab, wir kämpfen uns durch Schlaglöcher und Schlamm. Und überholen uns die LKW's und Busse, so werden wir so in Staub eingehüllt, dass wir nichts mehr um uns herum wahrnehmen. Das hat aber den grossen Vorteil, dass wir die Schlaglöcher viel befreiter durchradeln, da wir sie nicht sehen. 

Schwarze Thai in Vietnam
Überall freundliche Menschen, wie hier wieder Schwarze Thai in den Bergen Richtung Son La

Stau in der Baustelle auf der Autobahn
Stau auf der Autobahn, da bleibt uns nichts anderes übrig, als ein Päuschen einzulegen

Wir sehen aus wie Wühlmäuse, über und über staubig und dreckig. Unsere Räder laufen munter weiter, sie scheinen staubresistent zu sein. Die Packtaschen stellen wir abends mit uns unter die Dusche, damit sie am nächsten Morgen wenigstens die ersten fünf Minuten ihre eigentliche Farbe zeigen können. 

Die Anstrengung ist immens, wir liegen abends um 20 Uhr todmüde im Bett und sind absolut erledigt. Trotz dieser harten Bedingungen müssen wir auch noch steigen, steigen, steigen, am zweiten Tag geht es beispielsweise 40 km den Berg hoch. Irgendwie haben wir das Gefühl, das kann es nicht sein. Vor lauter Anstrengung können wir die Landschaft überhaupt nicht geniessen, die in Staub und Baustellenlärm sowieso untergeht.

Nach 300 harten Kilometern beschliessen wir in Son La, den Bus zurück nach Hanoi zu nehmen. Zurückbleiben die armen Bauarbeiter, die mit einer Hand festklammert an einem Seil in den Felsen hängen, um mit der freien Hand den Steinbohrer zu bedienen. Sie sind wirklich nicht zu beneiden.

Nach einer aufregenden Busfahrt - wir wussten bisher nicht, dass in einem Bus mit 14 Sitzplätzen durchaus 30 Personen Platz finden können - sind wir nach acht Stunden Fahrt wieder in Hanoi gelandet, das uns jetzt wie das Paradies auf Erden vorkommt. Unser Zimmer hängt voll von frischgewaschener Wäsche. Der rotbraune Sand wird uns als Färbung auf Socken und T-Shirts noch eine Weile in Erinnerung bleiben.

Die nächste Tour führt über den National Highway 1 von Hue Richtung Saigon, und wir hoffen sehr, dass alle Bauarbeiter auf Highway 6 beschäftigt sind.

Viele Grüße,
Beate und Carol